Jubiläumspublikation

Juni 2017
Jubiläumspublikation

Fortschreiben ist ein Kollektivtext. Fortschreiben ist Rückblick und Ausblick. Insgesamt 76 Schreibende – aktuelle Studierende, ehemalige Studierende und Dozierende – haben sich auf das folgende Experiment eingelassen: Sie bekamen einen Text und hatten 72 Stunden Zeit, um darauf zu antworten. Was „antworten“ genau heisst, konnten alle für sich selbst entscheiden. Manche haben Motive übernommen oder Figuren oder Worte, andere haben Handlungen weitergeführt, haben Stimmungen aufgegriffen, haben literarisch hinübergerufen in eine andere Welt. Diese Antwort – und nur diese Antwort – haben die Autorinnen dann an die nächste Person in der Kette weitergeschickt. Diese hat wiederum geantwortet und diese Antwort weitergeschickt.

In dieser Spielanlage, in den Übergängen, an den Rändern zeigt sich nichts weniger als die Freude am Schreiben selbst. Als Leser erkennt man – oder man stellt sich zumindest vor, zu erkennen – welchen Wegen und Sprüngen die Schreibköpfe folgen, alle ganz unterschiedlich, ganz eigen, ganz unmittelbar. Das Besondere daran ist, dass sich diese Wege nicht zwischen zwei Schreibenden abspielen, sondern zwischen vielen. Daraus resultiert ein Text, der immer vorwärts führt, der in die Ferne denkt, der einem Dritten entgegenstrebt. Ein Text, der absolut gemeinsam, unverhohlen demokratisch und bisweilen abenteuerlich wild ist.

Erschienen im Juni 2017 im Bieler Verlag die Brotsuppe
228 Seiten, CHF 23

Audioauszug I, S. 74-80, gelesen von Baba Lussi und Regina Dürig

 

Audioauszug II, S. 80-85, gelesen von Baba Lussi und Regina Dürig

Simple and not

Juni 2017
Simple and not

Das Cambridge Dictionary sagt, das Adjektiv basic bedeutet simple and not complicated, so able to provide the base or starting point from which something can develop. Das Cambridge Dictionary hat, insbesondere mit dem zweiten Teil, absolut Recht! Das sieht man beispielsweise am Basic-Schreibatelier, das die Studierenden des ersten Jahres im Bachelor in Literarischem Schreiben jeden Donnerstag von 9-13 Uhr besuchen. Im Herbst wurde es von Theres Roth-Hunkeler geleitet, jetzt, im Frühling, von Rolf Hermann. Es geht darum, Texte zu schreiben, vor Ort und zu Hause, und sie in der Gruppe zu besprechen und das jede Woche. Es geht darum, eine Routine oder eigene Praxis zu etablieren, also ein Fundament zu legen für all das, was im zweiten und dritten Jahr kommen wird, wenn man sich für Schreibateliers einschreibt, die kürzer und thematisch spezialisierter sind. Es geht um eine Basis, einen Beginn, der einfach ist, einladend und gemeinschaftlich. Was im Basic-Atelier in diesem Semester entstanden ist, haben Benjamin Bietenholz, Marco de las Heras, Laura Egger, Nadja Geisser, Sarah Giger, Lara Schaefer, Samuel Tanner, Johanna Veszeli und Alexandra Zysset am 8. Juni im Bieler Café du Commerce gelesen unter dem Titel Biel ist eine erfundene Stadt.

Alle wissen, dass Biel eine erfundene Stadt ist
Manche wissen, dass der Leib verkehrt liegt
aber nur wenige wissen, was sie nicht wissen
 
du weisch aus besser
u we mau öppis nid weisch
weisch es am beschte
 
In Biel gibt es ein Restaurant
namens Gottstatterhaus
Ich lese Gottstattersau jeden Morgen
von der linken Kreuzung aus
 
Nadja Geisser

 

Kursschiff

In Biel steht ein Hafen, und in dem Hafen liegen Schiffe, die aus irgendeinem Grund Kursschiffe genannt werden, auch wenn man ja auch nicht von Kurszügen und Kurspostautos spricht. Aber Schiffe sind keine Züge.

Die alte Frau oben an Deck sagt zu ihrer Altenfrauenfreundin, du, ich muss aufs WC. Und die Altenfrauenfreundin sagt, du, warte doch noch ein bisschen. Wenn du jetzt runter gehst, wo wir in Ligerz ankommen, meinen die unten noch, du wolltest aussteigen. Ja, stimmt, sagt die alte Frau und wartet. Nach Ligerz geht die alte Frau aufs WC, runter, an den Schiffsjungen vorbei, die hier natürlich Kursschiffsjungen heissen. Als sie unten ist, auf dem WC, spielt sich oben in den Augen der Altenfrauenfreundin ein Spektakel ab. Wir steuern Biel zu, der Hafen ist schon in Sicht, als sowohl rechts wie auch links am Horizont ein Schiff auftaucht, hoioioi, drei Schiffe auf einmal, ruft die Altenfrauenfreundin den Leuten zu, und als die alte Frau wieder vom WC kommt, ruft sie es ihr noch einmal zu. Jaa, jaa, das hab ich doch unten längst auch gesehen, sagt die alte Frau, und: Jaa, jaa murrt die Freundin.

Ist schon komisch, sagt die alte Frau, drei Schiffe auf einmal, und winkt rüber zum anderen Schiff, das Biel heisst und bemalt ist wie eine Kuh, was ihr offenbar total logisch erscheint. Die alten Leute vom anderen Schiff winken zurück, und die alte Frau, die gerade vom WC kommt, lächelt selig. Es sieht aus, als fühlten sich jetzt alle ein bisschen besser als vorher.

Samuel Tanner

 

Autobiographien
 
Ich lebe in Autobiographien, was man ausspricht wie Italien.
Mir gegenüber wohnt ein Paar.
Treffe ich sie im Treppenhaus, sage ich: Ganz schön eng hier, was?
Sie lacht darauf laut auf, er bindet sich in aller Ruhe die Schnürsenkel neu.
Heute Abend liegt er nackt mit mir unter der Decke.
Einmal im Leben, sagt er, fahren wir nach Italien.
 
Lara Schaefer

Literarische Überwucherung

März 2017
Literarische Überwucherung

Wir waren fünfzehn. Wir waren von vier am Nachmittag bis Mitternacht in einem Raum. Wir haben in diesen acht Stunden geschrieben und den Raum von aussen mit unseren Texten überwuchert. Es war Museumsnacht in Bern und das Fenster ging nicht auf. So ist das heute eben, hat der neue Standort des Fachbereichs Musik an der Ostermundigenstrasse gesagt. Wir haben genickt. Wir haben von Hand geschrieben, Schreibmaschinen bedient und gestempelt. Wir waren überrascht, wie viel man schreiben kann, wenn man viele ist. Und wie müde man davon wird. Aber erschöpft waren wir nicht, weil wir ein literarisches Einhorn hatten. Yeeehaw!

Museumsnacht 1

Museumsnacht 2

Museumsnacht 3

Museumsnacht 4

( (c) Bilder 1 & 5: Franziska Rothenbühler)

 

Monster. Oder: Den Worten entkommen

März 2017
Monster. Oder: Den Worten entkommen

Jennifer König, Studentin im dritten Jahr des Bachelors, sagt über sich: Ich mag keine Enden. Gleichzeitig bin ich ein ungeduldiger Mensch und nicht gut darin, an etwas endlos zu arbeiten. Ich lebe also in einem ständigen Dilemma. Oder anders: Ich bin eine wandelnde Zwangslage. Mein Ausweg: Deadlines. Unausweichlich, was Enden betrifft, und davor endlos arbeiten.
Um eine Deadline für ihr Buchprojekt „Dräck underem Fingernagel“ zu bekommen, hat sie es als Studentisches Projekt angemeldet. Das heisst, die Arbeit am Projekt (das in jedem Fall selbstgewählt sein und eigenständig durchgeführt muss, alleine oder in einer Gruppe) wird als Studienleistung anerkannt. Welche Form die sogenannten Studentischen Projekte haben, ist völlig frei, von Rap-Songs bis zu Kurzfilmen, von kollaborativen Schreibexperimenten bis hin zu Übersetzungen ist alles möglich.

Angefangen hat es für mich etwas dramatisch: Ich konnte nicht mehr schreiben. Aber dem Gang zum Computer oder zum Schreibheft auszuweichen, daran war nicht zu denken. Nur so dasitzen ging aber auch nicht. Also habe ich irgendwann angefangen, Punkte zu zeichnen. Aus den Punkten wurden Muster, aus den Mustern formten sich Knospen, aus den Knospen schlüpften Monster. Viele Monster. Sie begannen, zu trotzen. Sie fingen an, zu toben. Sie forderten Worte. Ich konnte mich ihnen nicht mehr verschliessen. Mit Texten zeichnete ich ihnen kleine Welten.

Meine Freunde mochten die Monster, wollten ein eigenes. Sie gaben mir drei Worte, ich ihnen ein Monster und eine Welt. Die Monster uferten aus, vermehrten sich rasant. Es wurden über dreihundert. Sie frassen mir die Abende, dann auch die Nächte. Ich musste ihnen Einhalt gebieten. Irgendwie. Also entschloss ich, sie zwischen zwei Buchdeckel zu sperren, mitsamt den kleinen Welten aus Text. Ein Jahr lang versuchte ich es.

Aber eben, da ist die Sache mit den Enden. So meldete ich uns, also die Monster, die Welten und mich, als Studentisches Projekt an. Ein endlos scheinendes Monster- und Textauswahlverfahren begann. Ich trage noch heute die Spuren von Klauen und Zähnen unter der Haut. Es wurde lektoriert (von Baba Lussi, Kommilitonin am Literaturinstitut), gelayoutet (von Nadine Laube, Studentin der Visuellen Kommunikation an der HKB) und schliesslich produzierten wir die Büchlein. 68 an der Zahl. Eine Woche vor der Projektpräsentation waren sie fertig. In dem Moment, in dem sie vor mir lagen, verschwanden die Monster aus mir und meinem Zeichenstift.
Ende.

Eigentlich kann man auch sagen, es ist laut.

März 2017
Eigentlich kann man auch sagen, es ist laut.

Liebe Lara, lieber Marshall. Ihr seid jetzt beide im letzten Jahr des Studiums, das heisst, ihr habt vor ziemlich genau drei Jahren euer Bewerbungsdossier für den Bachelor in Literarischem Schreiben zusammengestellt. Erinnert ihr euch noch an das Eignungsgespräch?
Marshall: Ich weiss noch, dass ich viel zu früh in Biel war. Ich habe einen Spaziergang an den See gemacht, dann bin ich ans Institut gegangen und war immer noch zu früh und sass eine Weile im Park. Ich war total nervös. Aber beim Gespräch waren alle sehr freundlich, das hat geholfen. Danach dachte ich, dass es nicht geklappt hat, weil wir gar nicht so viel über die Texte geredet haben, sondern über meinen Urlaub, meine Wohnverhältnisse und solche Sachen.
Lara: Das war bei mir auch so.
Marshall: Und ob ich von Hand schreibe, das war auch eine Frage. Ich dachte jedenfalls, wenn sie die Texte gut fänden, würden sie das sagen. Und weil das ausgeblieben ist, habe ich angenommen, dass sie mein Dossier nicht mochten.
Lara: Ich bin mit meiner Mutter und einer Freundin mit dem Auto aus Deutschland gekommen. Den Abend vor dem Gespräch haben wir in Bern verbracht und ich hatte vor lauter Nervosität so schlimme Magenschmerzen, dass ich ins Bett musste und meine Mutter alle möglichen Medikamente kaufen gegangen ist. Am nächsten Tag, in Biel, bin ich aus dem Auto gestiegen und habe meine Mutter gefragt, ob sie glaubt, dass es das Literaturinstitut wirklich gibt. Sie war sich plötzlich auch nicht mehr sicher… Das Gespräch selbst war dann gut. Die Jury mochte meine Texte und hat das auch gezeigt. Ein Kommissionsmitglied hat mich, nachdem es im Gespräch bis dahin wenig gesagt hatte, gefragt, was ich arbeite. Damals war ich in einem Call-Center. Seine Antwort war dann, dass es am Institut bestimmt nicht schlimmer werden wird.

Habt ihr das Textdossier mit anderen besprochen, bevor ihr es abgeschickt habt? Habt ihr die Texte extra für die Bewerbung geschrieben?
Marshall: Ich erinnere mich nicht mehr genau. Ich glaube, ich habe es meinen Eltern mal gezeigt, mehr nicht. In meinem Dossier waren nur Texte, die ich schon hatte.
Lara: Eine Erzählung habe ich für die Bewerbung geschrieben, alles andere gab es schon. Ich habe manchmal mit Freunden über Texte geredet, aber eher, weil der Wunsch von ihnen kam. Von mir aus wollte ich das eigentlich nicht, weil man über die Texte, die ich früher geschrieben habe, gar nicht so richtig sprechen konnte.

Wie war es, als das Studium angefangen hat? Könnt ihr euch noch an den ersten Tag im Schreibatelier erinnern?
Marshall: Ich hatte panische Angst, weil ich noch nie vor so vielen Leuten einen Text von mir vorgelesen habe. Mir wurde derartig heiss beim Lesen, dass sich meine Brille beschlagen hat. Hinterher war ich erleichtert, weil die anderen gesagt haben, dass sie den Text schön finden.
Lara: Ich war vorher sehr nervös. Aber als ich dann im Atelier sass, hatte ich das Gefühl, dass gerade etwas passierte, auf das ich sehr lange gewartet hatte. Das war ein wahnsinnig befriedigendes Gefühl – in einem Raum zu sein, wo es um etwas geht, was mir wahnsinnig wichtig ist und das auch allen anderen wahnsinnig wichtig ist. Und auch: Menschen kennenlernen durch ihre Texte. 

Wenn ihr die Erinnerung betrachtet, die ihr von euch habt bei Studienbeginn, könnt ihr dann sagen, wie sich euer Schreiben in diesen drei Jahren verändert hat?
Marshall: Ich bin ein bisschen sicherer geworden. Ich weiss mehr, was mir selbst an meinen Texten gefällt und was nicht. Ob ich das dann umsetzen kann, ist natürlich noch etwas anderes. Ich bin weniger kitschig geworden. Bevor ich ans Institut gekommen bin, habe ich nur über Frauen geschrieben. Früher hatte ich auch das Gefühl, Floskeln gehören zur Literatur. Dass man zum Beispiel Sachen sagen muss wie: Lärm erfüllt die Nacht. Aber eigentlich kann man auch sagen: Es ist laut.
Lara: Als Leserin war ich sehr verschlossen in dem, was ich mochte und gut fand, das hat sich sehr verändert. Als Schreibende ist es so, dass ich vorher überhaupt nicht nachgedacht habe über das, was ich da mache. Jetzt habe ich Ansprüche an den Text, ein Gefühl dafür, was er tun muss, damit ich ihn gut finde. Ich glaube, dass man beim Schreiben alle Energie und allen Fokus einsetzen sollte, den man aufbringen kann. Das Schreiben ist mir viel wichtiger geworden, ich mache es ernsthafter und konzentrierter. Ich überlege mir jetzt, wer wo im Raum steht, wer wie fühlt, warum wann was sagt. Es ist nicht mehr die Sprache, der man folgt, sondern dem, was passiert. So wird ermöglicht, dass die Dinge im Text ein Eigenleben entwickeln, das unabhängig von mir selber ist.

Möchtet ihr denjenigen, die im Moment ihr Bewerbungsdossier zusammenstellen, etwas mit auf den Weg geben?
Lara: Ich krieg das selber auch nicht hin, aber: Sich bei Texten allen Stress machen, den man sich machen kann, und mit sich selber gar keinen Stress. Das ist eigentlich der ideale Zustand.

(Illustration: Lara)

Michael Stauffer übers Schreiben und Spielen

Januar 2017
Michael Stauffer übers Schreiben und Spielen

Lieber Michael, du leitest, das hat Tradition, das deutschsprachige Schnupperatelier am Infotag vom 22. Februar. Das offene Atelier ist für viele die erste Textbesprechung überhaupt. Kannst du dich noch an die erste Besprechung eines Texts von dir erinnern?
Ja, das war bei mir mit einem Stiftungsleiter, der mich aufgefordert hat, mit ihm über einen Text von mir zu sprechen, weil er mitbekommen hat, dass ich schreibe. Das war das erste ernsthafte Gespräch, er war damals vielleicht fünfzig und ich fünfundzwanzig. In dem Sinn war das für mich eine Autoritätsperson, auch von der Biografie her, er war lange Schauspielhausdramaturg, also jemand, der lesen kann und weiss, wie was funktioniert. Danach habe ich nur noch solche Leute gewählt, ich habe immer abstrakte Instanzen gesucht statt Freunde, war an der ETH bei Herrn Muschg im Schreibkurs, daran kann ich mich gut erinnern. Das nächste war dann der Open Mike im Finale mit drei Kollegen. Und danach waren es eigentlich nur noch Berufsleute, die mit mir geredet haben.

Gibt es Übungen, die du gerne im Infotag-Schreibatelier machen lässt?
Ja. Zum Beispiel: Ich klatsche in die Hände, sage ein Wort, die TeilnehmerInnen schreiben. Dann lasse ich eine Minute verstreichen, klatsche wieder und sage das nächste Wort. Die Worte wähle ich so aus, dass aus jeder Wortart eins kommt, dass sie sich zum Teil wiederholen, dass es zunächst nicht absehbar ist, ob es etwas geben könnte. Der Auftrag ist eigentlich nur, die Worte zu nehmen, die Unterbrechungen zu nehmen und gleich weiterzuschreiben, ohne zu denken. Das ist eine geleitete automatische Schreibübung. Am Ende vergleichen wir die Strategien, wie die Schreibenden mit diesem Auftrag umgegangen sind. Ich habe auch schon Kopien aus meinem Tagebuch mitgebracht, möglichst von solchen Passagen, die ich selbst auch nicht mehr lesen kann, um zu zeigen, dass es Quellen gibt, die man selbst erstellt, aber keinen Zugang mehr dazu hat, dass auch das wichtig ist und als Ausgangslage dienen kann. Manchmal zeige ich aus älteren Filmen, in denen noch viel frontal gefilmt und wenig geschnitten wurde, einen Ausschnitt, in dem man zwei bis vier Figuren sieht, stelle den Ton ab und dann ist der Auftrag: Schreibt auf was die in diesem Film da gesprochen haben. Danach hört man es sich an, was wirklich gesprochen wurde, am besten in einer Fremdsprache, die niemand kann, und fängt dann an, darüber zu reden, wer was wann schon geahnt hat und wieso.

Gibt es Unterschiede zwischen einem Schnupperatelier und einem Atelier im Curriculum des Bachelors?
Es gibt den Unterschied, dass die Studierenden, wenn sie erst einmal am Literaturinstitut sind, nicht mehr ganz so unbedarft alles machen können. Wenn man will, dass sie ziellos arbeiten oder nicht schon mit einer fixen Idee operieren und sie mechanisch abarbeiten, muss man die Aufgabenstellung künstlich verkomplizieren, damit sie nicht merken, dass es eine Spielaufforderung ist oder die Aufforderung, die Kontrolle loszulassen. Es ist so: Wenn jemand schon ein bisschen geschrieben und über Texte geredet hat, braucht er länger, bis er alles wieder vergessen hat. Und das Alles-vergessen ist zentral fürs Schreiben.

Ist das Spielen für dich ein wichtiger Zugang zum Schreiben?
Wenn mein Auftrag lautet, ich soll jemandem helfen, seine ihm noch nicht bekannten Ausdrucksformen zu finden, muss ich ihm eine spielerische Anleitung geben, damit derjenige etwas herstellen kann, was er noch nicht kennt. Nachher kann er oder sie dann sagen, find ich doof. Ohne das Spiel oder die Übung macht er einfach, was er schon kann. Meine Aufgabe ist es, den Studierenden zu zeigen, was sie darüber hinaus noch machen könnten, und dann aber immer ganz schnell sagen: Du musst selber wissen, was du willst.

Spielen ist also eine Schreibstrategie?
Ja. Die Schreibenden müssen eine Etüden- oder Spiel- oder Probephase haben. Es ist wichtig, die Erfahrung zu machen, dass nicht alles sofort einen Sinn hat und dass das auch nicht schlimm ist. Dass man aushalten kann, wenn etwas keinen Sinn macht. Hat man über spielerische Verhaltensweisen gelernt, Distanz zu nehmen, nimmt man sich weniger ernst und es wird weniger tragisch. So wie ich diesen Beruf verstehe, solle er nicht in einer grossen Tragödie enden, sondern auch mit Lust und Spielfreude verbunden bleiben bis am Schluss. Deswegen übe ich das mit den Studierenden gerne, mit mir selber übrigens auch.

Was für Spiele lässt du dich selbst spielen?
Ich mache viele Übungen, Etüden, Versuche, Tests. Natürlich muss man sich irgendwann für etwas entscheiden und diese Geschichte dann zu Ende führen. Wenn es mal nicht weitergeht, kann man entweder eine Pause machen oder ein Spiel und dann weitermachen. Ich bin eher der, der dann lieber noch schnell ein Spiel macht. Wenn ich Glück habe, fällt etwas ab und wenn nicht, habe ich ein Archiv, wo nachher ganz viel Material drin ist, das irgendwann sicher passt.

Kannst du dafür ein Beispiel geben?
Im Moment sitze ich an einem Buch und es geht um zwei Brüder, der eine ist halbwegs integriert und der andere ist ein Krimineller. Und ich spiele die beiden, und zwar wirklich spielen, wie ein schlechter Schauspieler. Das nehme ich auf und lasse es transkribieren. Dann kommt es als schriftlicher Text zu mir zurück und ich habe schon keine Ahnung mehr, dass ich das selber gesprochen habe. All die Unfälle, die dabei geschehen, wo ich rausgefallen bin aus der Rolle, nehme ich in eine andere Textdatei hinein, das könnte mal Material für ein Hörspiel sein. Ich weiss nicht, was es wird, aber ich weiss jetzt schon, dass der Abfall von den zwei Figuren eine dritte Figur werden kann irgendwann. Das liegt da vielleicht ein Jahr oder länger, in jedem Fall habe ich es vergessen, bis ich es wieder hervornehme. Und dann ist es ein Stoff, den ich selber hergestellt habe. Das Ziel ist in jedem Fall, sich nicht zu schnell auf etwas zu versteifen. Das ist wichtig. Pro Werk darf man ja nur etwas ganz Minimales ausprobieren, damit überhaupt noch ein Leser, einer oder zwei, willens sind, es mitzumachen. Du kannst nicht pro Werk zehn Spiele spielen. Das ist auch ein Problem, das viele haben, dass sie in einem Text zu viel ausprobieren wollen. Deswegen ist es schlauer, die Dinge einzeln, quasi auseinandergenommen, auszuprobieren.

Ist es, wenn du alles behältst, nicht kompliziert, zu entscheiden, was zum Projekt gehört, und was nicht? Verlierst du nicht die Übersicht?
Eine gewisse Verzettelung findet bei allen statt, bei einigen ist sie sichtbar, bei anderen unsichtbar. Ich persönlich finde es angenehmer, wenn ich sehe, was passiert ist. Weil ich ja entscheiden kann, ob alles Mist oder alles gut ist. Bei mir ist alles, was kommt, gleich gut und dann muss ich es möglichst schnell verteilen. Ich arbeite aber auch immer gleichzeitig an drei Projekten. Die sind zum Glück nicht alle im gleichen Stadium, das ginge nicht. Aber wenn eines so halb fertig ist, das andere ist im Anfang und das dritte so gut wie abgeschlossen, dann geht das gut.

Hast du noch einen Tipp, wie man sich das Studium vorbereiten kann oder was man machen kann, wenn man schreiben will, aber ein Literaturstudium nicht in Frage kommt?
1 Ruf deine Mutter an und sage ihr, du habest etwas ganz Schönes von ihr geträumt. Ab dann einfach sprechen und hinterher aufschreiben. Ruf am nächsten Tag deinen Vater an und sag auch ihm, du habest etwas ganz Schönes von ihm geträumt. Und frage ihn, ob die Mutter etwas über das Gespräch mit dir erzählt hat. Dann schreibst du alles auf. Wenn du Mutter und Vater nicht hast, nimmst du deine Geschwister. Wenn du die auch nicht hast, nimm deine Grossmutter. Man sollte im kleinsten Umfeld anfangen, hinzuschauen, und nicht unbedingt die Idee haben, ein weltbewegendes Thema behandeln zu müssen. Wer bei sich selbst übt, genau hinzuschauen, kann das nachher auch bei grösseren Themen.
2 Schreib eine Woche lang auf, was du alles getrunken hast. Jeden Tag. In der nächsten Woche was du gelesen hast. In der dritten Woche was du alles nicht getrunken hast und warum. Bis du dich kennst. Also: ganz banale Dinge ganz, ganz genau wahrnehmen und aufzeichnen.
3 Fremde Bücher lesen! Es muss nicht viel sein, aber zum Beispiel vier Bücher aus vier Epochen vollständig lesen und in jedem Buch 80 Sätze unterstreichen, die du super findest. Das klingt nach nicht viel, ist aber schon einiges.

HKB Jahrbuch 2016

Januar 2017
HKB Jahrbuch 2016

Das Jahrbuch der Hochschule der Künste Bern 2016 widmet sich aus Anlass des zehnjährigen Jubiläums dem Schweizerischen Literaturinstitut. Die Redaktion hat sich den Fauxami "brisant" (auf Deutsch: hochexplosiv, von grosser Sprengkraft, auf Französisch: Felsen, Klippe, Gischt) als Thema gegeben. Die Beiträge drehen, wenden, brechen und sprengen sich um diese interlinguistische Differenz. Insgesamt gibt es zwölf AutorInnen aus verschiedenen Disziplinen, die sich in vier Bewegungen antworten, miteinander in Beziehung treten und sich komplettieren.

Es gibt Fragenkaskaden: « Est-ce que je peux t’offrir quelque chose en échange? Un début d’histoire ? Un mot étrange ? Une onomatopée ? Vas-y, fouille ! » S. 62, Le recycleur, Thomas Sandoz

Es gibt schmeichelhafte Versicherungen: “This is, how I see your work. I appreciate the humor, the exactness of actions and the beauty of professionalism in it. I hope you find yourself in this description.” S. 116, en tra VERS ant, Heike Fiedler

Es gibt das Misstrauen gegenüber den Worten aus einer Fremdsprache: „I cha nid guet Französisch. Iha mr Müe gä bim Läse, di Wörter richtig uszschpräche.“ S. 20, Max, Guy Krneta

Und jede Menge mehr! Bestellen Sie Ihr Exemplar unter lit@hkb.bfh.ch

Mit literarischen, visuellen, musikalischen und klanglichen Beiträgen von:

Maude in Übersee

Januar 2017
Maude in Übersee

Maude Sollberger, Studentin im zweiten Jahr im Bachelor in Literarischem Schreiben, verbringt das Herbstsemester 2016-17 im Rahmen eines Austausches im Creative Writing Programm an der Université du Québec à Montréal (UQAM). Der kanadischen Kälte trotzend, wie die Bilder beweisen, gibt sie uns hier einige literarische Einblicke in ihre Arbeit auf der anderen Seite des Atlantiks:

Quatre mois plus que riches à l'autre bout du monde, comme une parenthèse un peu irréelle, un séjour ailleurs dans le monde, loin de tout.
Dix (et demi) adjectifs pour décrire mon séjour, ma liste sera loin d'être exhaustive, mais c'est un bref aperçu des milliers d'images et sensations qui restent dans ma mémoire.

Au Canada,
la nourriture est étonnante
ma colocataire Chloé est drôle
les températures sont très chaudes et très froides
l'université est énorme
les enseignants sont québécois
les rencontres sont internationales
les métros sont semblables à tous les métros du monde
l'accent est contagieux
les gens sont chaleureux
voyager, tout quitter pour recommencer puis revenir en se sentant un peu changée est stimulant

Dans le blanc

 Making friends

 

L'UQAM

pourpre plume

un quart de vie
faible idée
âme de poète

elle aime le pouvoir du papier
l'encre
un blanc glacial teinté
traces noires
perdue entre ses draps vient l'heure
gloire secrète
elle écrit – pourpre plume

elle trouve un univers
des amis
accrochés au mur
illuminés
création dessinée en chanson
parmi ses débris épars
aucun interdit – pourpre plume

armée verbale
les guerres couchées sur le papier
elle dirige
royauté secrète
tous ses visages tristes
elle marche, insignifiante
un hymne – pourpre plume

à l'aube
années en noir et blanc
les feutres dessinent
sans jamais dépasser
avant même la création
idées confuses
la passion, le sang – pourpre plume
                  
face au miroir
mille visages inconnus
petite plume devenue femme
étrangère à ce corps
elle blâme, elle blâme
toute nue
vierge encore – pourpre plume

écrire en cercle
une maturité disparue
par moment
mélange amer nouveau ancien
les traces noires sur le blanc
elle dévore
se nourrit – pourpre plume

les mots mûrissent

massif montagneux
désert sous l'orage
corridor humide
une jungle assassine les cerveaux invalides
l'écriture
a cent identités
et vingt visages – pourpre plume

le sablier s'excite
gribouiller en vrac les fils emmêlés
ce qu'elle veut dire encore

les mots pourrissent

goûter quelques miettes
et recommencer.

Semesterpräsentationen

Dezember 2016
Semesterpräsentationen

Echoraum: Bei den Semesterpräsentationen lesen die Studierenden im ersten und zweiten Studienjahr aus den Texten, die im Mentorat entstanden sind und weiter entstehen. Neunundzwanzig Stimmen, jede sechs Minuten lang, das ergibt einen ganzen Nachmittag im Semester voller Texte: Kurzgeschichten, Fragmente, Hörspiele und Auszüge. Im Sommer finden in den Tagen nach den Semesterpräsentationen die Evaluationsgespräche statt. Die Studierenden reichen Texte ein, die von ihrem Mentor, ihrer Mentorin, einem zweiten Mentor, einer zweiten Mentorin und einem externen Experten, einer externen Expertin gelesen und kommentiert werden. Am Ende des Herbstsemesters beurteilt nur der eigene Mentor, die eigene Mentorin, ob das Modul Mentorat erfüllt ist – auf Grundlage der Mentoratsvereinbarung, die alle MentorInnen mit ihren Mentees zu Beginn des Semesters unterzeichnen. Darin halten die Studierenden fest, an welchem Projekt, an welchen Projekten sie während des Semesters arbeiten wollen und wann sie sich mit ihrem Mentor, ihrer Mentorin zur Besprechung der Texte treffen. Zurück zu den Präsentationen, die im aktuellen Semester am 12. Dezember stattgefunden haben: Vier Stunden für 29 literarische Universen ist schon eine ziemliche Herausforderung, 1‘835 Zeichen für 29 literarische Universen ist geradezu läppisch. Mit aller Vorsicht hier trotzdem der Versuch eines Cut-ups: Aus jedem Text ein Satz, mehr oder weniger aus dem Gedächtnis, die Übersetzungen aus dem Französischen aus dem Handgelenk:

Das Paar sagt zwei Sätze, die Fliege setzt sich – oder nicht. // Ein schlafloser Spaziergänger vielleicht. // Ausser dem Pendel der Grossmutteruhr, die einen Atomkrieg wohl überstehen und danach unbekümmert weiterticken würde, bewegte sich im Zimmer nichts. // Wir hätten gerne einen Schirm gehabt. // Ich weiss nicht, ob ich erleichtert war. // An dieser Stelle machte sie jeweils eine Pause. // Viele Jahrhunderte habe ich bereits überdauert, aber dieses hier ist mit Abstand das zähste. // Das sogenannte Lethargie-Gift. // Da wohnt wer in mir drin, der spielt die ganze Zeit Musik. // Es ärgerte mich, dass ich nicht sagen konnte, was das überhaupt für Pflanzen waren. // Meine Schaufel ist gerade mal so gross wie meine Hand. // Die Unterschiede waren fein, aber nicht zu unterschätzen. // Ob er sich vorstellen könne, von jetzt an jeden Abend Milchkaffee und Aufschnitt vorgesetzt zu bekommen. // Auf das Blut auf den Strassen, sage ich. // Für nie kann ich nicht garantieren. // Hab‘ die Wanduhr umgebracht, hier warte ich auf dich. // Mir waren Leute, die einem Fremden ohne Weiteres ihr Herz zu öffnen wissen, schon immer suspekt. // Aber dann denke ich an die Schwimmhäute zwischen ihren Fingern und bleibe. // Ich verlor meine Hand im Schlaf, es war in der ersten Juninacht dieses Jahres. // Früher wurden hier Schiffsschrauben gegossen. // Der Schatten schaut auf und lächelt. // Man kehrt, vom Zufall geleitet, wieder und wieder an den Ausgangspunkt zurück. // Der Weg war nie geräumt gewesen. // Hinter dem Zwerg steht ein Himbeerstrauch. // Ein Kabelbinder, um etwas Schmales geschlungen, hat es an sich, in einem langen Schweif übrig zu bleiben. // Sie verhielten sich ganz leise und brachten sich eine Zeichensprache bei. // Mein Kopf ist ein bisschen besser auf meinen Schultern befestigt als deiner auf deinen. // Ich trainiere, um im See zu leben. // Das war ein Statement.

SYMPOSIUM WORTWECHSEL – ÉCRIRE EN DIALOGUANT – WRITING AS DIALOGUE

November 2016
SYMPOSIUM WORTWECHSEL – ÉCRIRE EN DIALOGUANT – WRITING AS DIALOGUE

 Wer schreiben will, muss der Welt der Geselligkeiten und des zwischenmenschlichen Austausches entsagen und sich in die Einsamkeit zurückziehen. So das klassische Bild einsamer SchriftstellerInnen über ihre Schreibtische gebeugt. Tatsächlich aber suchen fast alle AutorInnen zum einen oder anderen Zeitpunkt während der Arbeit an einem Text den Austausch mit Zweiten, seien das KollegInnen, PartnerInnen, Dozierende, MentorInnen oder LektorInnen. Die internationale Tagung WORTWECHSEL – ÉCRIRE EN DIALOGUANT – WRITING AS DIALOGUE in Biel ging deshalb vom 24. bis 26. November den Fragen nach, welcher Art diese Gespräche sein können, welchen Stellenwert sie in literarischen Schreibprozessen einnehmen und wie sie sich möglicherweise in den entstehenden Texten niederschlagen. Organisiert im Rahmen des vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten und an der Hochschule der Künste Bern (Forschungsschwerpunkt Intermedialität) angesiedelten Forschungsprojekts “Schreiben im Zwiegespräch – das literarische Mentorat als Autorinstanz” waren dazu WissenschaftlerInnen, VerlegerInnen, LektorInnen, ÜbersetzerInnen, Dozierende und AutorInnen aus der Schweiz, Österreich, Frankreich, Deutschland, Grossbritannien, Kanada und den Vereinigten Staaten eingeladen. Die vielfältigen Hintergründe der AkteurInnen aus Theorie und Praxis sowie die in drei Sprachen gehaltenen Beiträge führten zu praktischen Erkenntnissen, theoretischen Begriffsverzahnungen und sehr lebendigen Dialogen über Dialoge. Während der drei Tage posteten Studierende und MitarbeiterInen des Literaturinstituts oder der Forschung an der HKB ihre Eindrücke in einem Blog, einige Auszüge daraus finden Sie hier:

 

Jo Lendle, eine Zeichnung von J. König

Jo Lendle, eine Zeichnung von Jennifer König

 

 

WAS IN DER KAFFEEPAUSE DAS HAUS VERLÄSST:

oben
etwas
haar
dann
vor
allem
carbonfasern
verschmolzen zu
einem roten cello-
koffer der glänzt
wo er sich wölbt
und platz lässt für
schnecke griffbrett
steg unten noch ein
stück mantel etwas
jeans und stiefel
beim gang über
die strasse

 

Alexandra Zysset

 

 

De parfaits wreaders

La performance du texte commence dans la salle: il faut monter sur une chaise et pousser des deux mains le beamer pour les mots de Jerome Fletcher  soient projetés sur l’écran plutôt que sur la table qui sert de support au texte de sa présentation. Puis c’est au micro de faire monter la tension avec une légère mais persistante menace de larsen dans les graves: on se croirait dans un film de David Lynch. Alors les lumières sont éteintes, rallumées, baissées au minimum. Dans la pénombre, Jerome fait remarquer que l’important, c’est qu’on voie les mots, pas lui.

Un texte numérique a besoin d’une machine numérique pour être produit. Mais le contraire n’est pas vrai: on peut utiliser une machine pour composer un texte qui sera imprimé. Pour qu’un ordinateur puisse produire un texte, pour qu’il puisse nous inviter à participer à son élaboration et devenir de parfaits wreaders le temps d’une performance, il a besoin d’un autre texte, d’un pré-texte: le code, mystérieux, que personne à part les initiés ne sait lire. Le code qui n’a qu’un seul sens: ce qu’il fait. Le code qui nous dit, qui formate nos actions et nos comportements. Le code, à lui seul une œuvre d’art.

 

Toutes les voix qu'il pourrait écrire

La traduction, c’est apprendre à écrire sous des contraintes extrêmes, apprendre à repousser les frontières de sa propre langue comme l’auteur l’a fait avec la sienne en lui donnant la forme de ce qu’il avait à dire. La traduction ouvre les possibles: l’écrivain cherche sa voix, le traducteur explore toutes les voix qu’il pourrait écrire. La traduction, c’est retrouver la séquence à travers laquelle les informations doivent arriver au lecteur. La traduction, c’est quinze pour cent de travail avec l’original et huitante-cinq pour cent à se débattre avec la langue cible. Et puis il y a cette phrase de Robert Walser que Susan Bernofsky essaie de retrouver, cette phrase si belle qui parle d’oiseaux et qui avait été si bien traduite.

Les exercices que Susan donne à ses étudiants de Columbia sont extrêmement pratiques. Par exemple, des pages avec une version en anglais en haut et une version dans une autre langue en bas: découvrir quel est l’original. Il y a souvent de grandes discussions et un texte où tout le monde ou presque tombe dans le panneau: Pour qui sonne le glas, d’Hemingway. Parce que l’intrigue se déroule en Espagne et que la langue de l’original est inhabituelle, rigide, alors que c’est justement dans la traduction qu’on s’attend à trouver des faux plis. Vous savez, il faut jouer franc jeu avec les étudiants: en définitive, on essaie de leur enseigner quelque chose dont on ne sait pas bien ce que c’est.

Pierre Fankhauser

In zehn Jahren...

November 2016
In zehn Jahren...

In zehn Jahren kann man reisen und fischen und schön werden. In den zehn Jahren von Oktober 2006 bis Oktober 2016 haben fast hundert Studierende den Bachelor in literarischem Schreiben absolviert. In zehn Jahren kann man zehn Jahre alt werden. Dieses Jubiläum wurde am 27. Oktober am Literaturinstitut gefeiert, mit Reden, Performances und Risotto. Was man sonst noch machen kann, haben Anja Delz, Lou Meili, Gaia Grandin, Julia von Lucadou, Jana Heinicke und Marco de las Heras, die alle am Literaturinstitut studieren oder studiert haben, in ihren Performance-Texten, die unter der Leitung von Dozent Michael Stauffer entstanden sind, zusammengetragen:

In 10 Johr bin ich e Fliegefischerin
In 10 Johr han ich e Fischeruswis gmacht
In 10 Johr bin ich uf de Fischfang ahgwiese
Will d Literatur nütt zahlt
In 10 Johr bin ich zfriede mit mim Läbe
In 10 Johr find ich mis Läbe als Fliegefischerin besser als als Autorin
In 10 Johr bin ich ziemlich zfriede ufemene Zältplatz am Bielersee am Fliegefische
In 10 Johr bin ich z Biel nonie mit em Bähnli uf Magglinge ufegfahre
In 10 Johr bin ich nid trurig drüber, dass ich nonie z Magglinge gsi bi
Will mich Sport nid interessiert
Usser s Fliegefische
In 10 Johr bin ich an jedem Ishockeymatch gsi in de Tissot Arena
In 10 Johr bin ich jedes mol debi ihgschlofe
Und jedes mol vomene Ellboge im Gsicht gweckt worde
In 10 Johr bin ich nonie useme Fänster klätteret
In 10 Johr bin ich scho us 24 Türe usegstürmt
In 10 Johr han ich alli die Türe gschletzt
Usnahmslos
In 10 Johr han ich aber mindestens 2 Fänsterschiebe miteme Stei ihgschlage
In 10 Johr han ich au einmol e Fisch ihgfrore und mit dem öbberem eins übere Chopf zoge
In 10 Johr bin ich die grössti Bielersee Egli Fischhändlerin in de Region
In 10 Johr beliefere ich de Coop und d Migros schwizwitt mit mine Bielersee Egli
In 10 Johr erfind ich e neue Fischerhogge wo GPS ihbaut het und ans Internet ahgschlosse isch, mit dem me jede Fisch imene Radius vo 25 Meter um e Fischerhogge cha usfindig mache
In 10 Johr bin ich unglaublich stolz uf das, was ich erreicht han
In 10 Johr frog ich mich, wie ich jemols sust ha chöne stolz uf mich si, will, das, was ich jetzt erreicht han, eifach so vill meh wärt isch
In 10 Johr bin ich unfähig, irgend es realistischs Urteil über mich z fälle, will ich eifach eso begeisteret vo mir sälber bin, will ich cha nid fasse, wie
guet
ich in de letzte 10 Johr
gworde bi.
Text: Anja Delz

Dans 10 ans, je privilégierai le confort de mes pieds et ne porterai que des chaussures aux semelles ergonomiques et cela me sera égal qu'elles soient moches.
Dans 10 ans, je gagnerai régulièrement ma vie avec un métier banal mais au cahier des charges bien défini et sans surprise
Dans 10 ans, je ne me retrouverai plus à lire un texte improvisé devant un public ennuyé...
Dans 10 ans, je partirai en voyage, une fois par année, toujours au même endroit, pas trop loin, à la montagne...aux grisons peut-être.
Dans 10 ans, ma mère ne me demandera plus à chacune de nos rencontres si j'ai besoin d'argent.
Dans 10 ans je ne croirai plus qu'une catastrophe me sauvera de la retraite et je cotiserai pour un 3e pilier de prévoyance.
Dans 10 ans, j'aurai enfin réussi à diminuer mes visites chez la psy à deux visites hebdomadaires.
Dans 10 ans, je ne croirai plus que quelqu'un attende quelque chose de moi.
Dans 10 ans, mon seul contact social sera le club de lecture de la commune où on dégustera enfin, pour la première fois en 10 ans ma tarte au citron meringuée vegan comestible et le moment où la présidente du club de lecture me félicitera pour cet exploit culinaire sera le plus beau souvenir de ces dernières 10 années.
Text: Gaia Grandin

In ten years I will be a much better person.
I will be completely optimized.
I will be very very pretty.
I will work out every day.
I will never be sick.
I will never talk to anyone, because people are bad for you.
I will be very anti-social but very popular. I will be on every screen.
In ten years I will be scared.
I will know no one.
I will have a spider for a pet.
I will be very suspicious of my pet spider.
In ten years I will be very different. I will be male.
I will be powerful.
I will be very rich. And because I’m very rich I will be in charge of a lot of people.
I will tell these people that they’re stupid. 
I will tell them that they’re ugly.
I will tell them to do better work.
I will be very mean but very successful.
In ten years I will be in charge of the Literature Institute in Biel.
Everything will be different.
No one will come to classes anymore but everybody will be writing – about me.
In ten years I will have my own little state, which will be beautiful, because, as we all know, Switzerland is the most beautiful country in the world.
The mountains will be even taller because my workers will add to them.
In ten years I will be very serious. I won’t make jokes anymore because life is not very funny.
In ten years there will be BBC camera crews filming me in my natural habitat.
They will be very happy to see me.
Text: Julia von Lucadou

In 10 Jahren kannste, pass uff: dit Ding is, in 10 Jahren kannste einma um de Welt reisen. In 10 Jahren kannst, ick gloobe, du kannst in 10 Jahren fast alle Länder der Welt bereisen, und vielleicht ooch schaffste dit sogar, in 10 Jahren alle Länder der Welt zu bereisen, aber ick gloobe nicht, dass du dit in 10 Jahren schaffst, jeden Fleck uff dieser Welt kennen zu lernen. Und erst recht nich schaffste dit zum Mond, oder sonst wo anders hin in unsrem Sonnensystem. So. Ne? Dit schon ma vorneweg. Dit heißt, deine Möglichkeit zu reisen beschränkt sich in 10 Jahren schon ma nur uff diesen Planeten, wenn du, sachick ma ooch n jewisset Ziel vor OOgen hast und dit erreichen möchtest. So. In 10 Jahren, wat kannste noch machen in 10 Jahren, pass uff, ick sach dir gleich, watte in 10 Jahren noch machen kannst, pfff, in 10 Jahren kannste versuchen, irgendwat zu erfinden, wat vor dir noch keener erfunden hat, in 10 Jahren kannste dit aber ooch sein lassen. In 10 Jahren kannste dich wie verrückt anstrengen, n bessrer Mensch zu werden.
Dit kannste machen in 10 Jahren.
Du kannst in 10 Jahren zum Beispiel nur Schokolade essen, keen Sport machen. Und denn kannste ma kieken, wat nach 10 Jahren bei rum kommt.
Ick hab dit ma als Kind überlegt, dit zu machen, meene Mutter hat jesacht nöö, bin ick ihr jetz direkt dankbar dafür, so. In 10 Jahren, wat kannste noch machen. In 10 Jahren kannste, pff, ick weeß oo nee. In 10 Jahren kannste zum Beispiel, ick weeß nich, ähm, ick weeß echt nich watte in 10 Jahren noch machen kannst, wer bin ick denn ooch, dir zu sagen, watte in 10 Jahren allet machen sollst oder machen kannst, kannste ja selba noch ma überlejen, watte in 10 Jahren allet machen willst.
Text: Jana Heinicke

 

Claire Genoux über Schreibateliers

Oktober 2016
Claire Genoux über Schreibateliers

Liebe Claire, du leitest, das hat Tradition, das frankophone Schnupperatelier am Infotag vom 26. Oktober. Das offene Atelier ist für viele die erste Textbesprechung überhaupt. Was entgegnest du dem eventuell fehlenden Mut, einen Text im Atelier zur Diskussion zu stellen?
Sich diesem ersten Mal zu stellen, ist unabdingbar, wenn man vorhat, AutorIn zu werden. Natürlich ist es ein Risiko, das man eingeht, allein schon auf einer persönlichen Ebene, weil man zum Leser, zur Leserin des eigenen Textes wird. Aber Schreiben ist in jedem Fall ein Risiko, Seite für Seite.

 Kannst du dich noch an das erste Mal erinnern, als ein Text von dir gelesen und kommentiert wurde?
Ja, das war als Schülerin, am Gymnasium de la Cité. Mein Französischlehrer, der Schriftsteller Jacques Chessex, war der erste, der meine Texte gelesen und kommentiert hat. Ich erinnere mich an sein forderndes Wohlwollen (er wusste, dass meine Texte noch im Entstehen begriffen waren).

Wie gehst du vor, wenn du Texte besprichst? Worauf achtest du?
Ich achte sehr darauf, immer wohlwollend zu bleiben und nicht zu werten, auch wenn ich manchmal gebeten werde, ohne Rücksicht auf Verluste meine Meinung zu sagen. Ich glaube nicht, dass es produktiv ist, zu sagen, dass etwas schlecht ist (was ich noch nicht einmal machen würde, wenn ein Text viele Schwachstellen hätte), ausserdem ist es anmassend. Ich achte mehr darauf, ob die Studierenden einen Text überarbeiten oder nicht. Das ist für mich ein wichtiges Zeichen.

Machst du selbst auch Schreibübungen?
Manchmal stelle ich mir gewisse Aufgaben oder Regeln, wenn ich mit einem Text am Anfang stehe, das hilft beim Schreiben einer ersten Fassung. Aber ich mache keine Übungen, die losgelöst sind vom eigentlichen Projekt, an dem ich arbeite.

An welche Grenzen kommst/gehst du beim Schreiben?
Das sind vor allem innere Grenzen. Das Schreiben ist ein guter Weg, um sich selbst kennenzulernen, die hellen und dunklen Seiten, eine Art tiefer Dialog. Ich hinterfrage zum Beispiel oft mein Selbstvertrauen.

Glaubst du, dass man durchs Üben besser wird?
Aber sicher! Aber das Wort „üben“ finde ich allerdings nicht treffend, ich würde eher „machen“ verwenden: Man lernt schreiben beim Schreiben, so einfach ist das. Ich also lerne seit 20 Jahren, zu schreiben.

Kannst du ein Buch übers Schreiben empfehlen?
Als ich angefangen habe, Ateliers zu leiten, habe ich ein paar Ratgeber gelesen, um auf Ideen zu kommen … und um mich zu versichern, wie das, zumindest theoretisch, laufen sollte. Danach habe ich eigentlich beim Machen gelernt und im Austausch mit KollegInnen.

Wenn man dir ein extrem gutes Angebot machen würde, ein Buch übers Schreiben zu schreiben, wie würde es aussehen?
Ich glaube, es wäre eine Art Sammlung meiner Erfahrungen und der Situationen, denen ich beim Leiten von Schreibateliers begegnet bin.

(Fragen und Übersetzung: R. Dürig. Um zur französischen Originalversion zu gelangen, die Sprachauswahl dieser Seite auf FR stellen.)

Literaturinstitut @ International Performance Art Giswil

Oktober 2016
Literaturinstitut @ International Performance Art Giswil

Marshall Maihofer und Elias Kirsche, beide Studenten im dritten Jahr des Bachelors, waren im Rahmen eines Kurses der Modulgruppe 4 (Transdisziplinarität und Projekte) eingeladen, für das Festival International Performance Art Giswil ein Gesprächsformat, eine Ausstellung von Sprechansätzen zusammen mit den PerformerInnen aus der Schweiz und Norwegen anzuzetteln. Begleitet wurden sie dabei von der Dozentin Birgit Kempker. Geschrieben haben sie während der beiden Festivaltage diese Texte:

Texte von Marshall Maihofer

Samstags in Giswil, gefühlte 36 Grad aussen, gefühlte 12 Grad in der Turbinenhalle, gefühlte 15 Performances über den Tag verteilt.

1.
Ein Mann steht mit einer Sense in der Hand auf einem Feld. Ein Feld mit Gras. Der Mann schneidet Gras mit einer Sense auf dem Feld. Eineinhalb Stunden lang. Es gibt nichtviel Schatten und ich schwitze. Der Mann wird wohl auch schwitzen. Sein Schweiss tropft auf die Gräser, die von ihm abgeschnitten werden und sich vom Wind über die Wiese tragen lassen. Vielleicht ist das die Absicht seiner Performance: Seinen Schweiss, von Gräsern getragen, über die Wiese wehen lassen. Ich stelle mir vor, ich rieche seinen Schweiss bis hier. Der Mann mit der Sense, der Gras schneidet, der trägt auch noch schwarz. Es sieht aus, als würde er ein Schweizerkreuz in die Wiese einschneiden. Es wäre angenehm, es gäbe mehr Schatten. Von Ästen geworfener Schatten nähert sich dem Schweizerkreuz, kitzelt mit Dunkelheit an der ersten Ecke. Ob der Schatten beabsichtigt ist? Der Sensenmann, der Gras in die Form eines Schweizerkreuzes schneidet, trägt nur schwarz, wie ich. Der Sensenmann und ich sind ähnlich gekleidet, nur trägt er einen hellen Strohhut. Ob er bald fertig ist?

2.
Jetzt läuft ein aggressiv dreinschauendes, weibliches Familienoberhaupt über die Fliessen und zieht mit lautem Scheppern Metallstangen über den Boden. Sie spricht von ihren Füssen und dem Untergrund, sagt, da unten sei ganz viel Wasser, ihre Füsse, der Untergrund, das Wasser, ein Werk, irgendwie da unten. Und hinter ihr, auf dem Berg, an dessen Fuss wir stehen, sei auch viel Wasser. Und so weiter. Ihre Stimme hallt unangenehm laut, aber imposant durch den Raum. Jetzt trötet sie in eine dieser Röhren hinein. Es klingt nach einer Mischung aus Walgesang und Furzen. Klingt, als würde sie im Rohr sich ihrer Spucke entledigen. Ihr Kopf wird langsam rot. Jetzt spricht sie wieder von Druck und Turbinen und Wasser. Ich habe das Gefühl, dass ändert sich heute nicht mehr. Viele Zuschauer haben die Augen geschlossen oder schauen interessiert zu. Ich frage mich halt so: Was denken die sich? Was gibt ihnen all das Wasser und Untergrund und Röhren. Die Performerin stellt sich jetzt ans lange Ende der Halle und singt, stösst hohe, klare Töne aus, die sich an die Decke des Raumes drücken lassen und dessen volle Länge mit grellen Lauten erfüllen. Ein kräftiges Organ hat sie, das muss man ihr lassen. Sie öffnet die grossen Flügeltüren und schreit den Bergen entgegen. Jetzt klettert sie aus dem Fenster und bricht sich hoffentlich nicht den Hals. Sie schreit, die Kurve müsse gerade sein und das Elektron solle ins Tal und die Innerschweiz erreichen. Das Elektron schiesst durch die Rohre und die Leute klatschen sehr lange.

3.
Eine Frau mit Kühlschrank und vielen Decken. Erst legt sie sich auf den Boden zum Schlafen, dann steht sie auf, öffnet den Kühlschrank und der gesamte Inhalt fällt ihr vor die Füsse. Sie trägt eine grosse Leiter mit sich herum und stellt diese irgendwo in den Raum. Mir erscheinen die Performer als ein Haufen Menschen, die eigenartig und einzigartig sein möchten. Als ob sie die Handlungen für ihren Auftritt nach dem Kriterium auswählen würden, welche Geste ein Zuschauer am wenigsten wird verstehen können. Zumindest was einen Performance-Anfänger wie mich betrifft. Ich soll den Performern morgen Fragen stellen, doch die einzige Frage, die mit einfällt, ist: Was zur Hölle soll dieses Getue?! Die Deckenlichter gehen an, tauchen den Raum in türkises Licht, das zu meiner Jacke passt, und die Dame mit Kühlschrank und Leiter hält Tupperware in der Hand, die Gefüllt ist mit einer zähflüssigen roten Schmiere, welche sie in die Küche bringt. Ich spüre Sonnenbrand an meinem Nacken. Während dieser Performance geschieht nicht sonderlich viel. Ein junger Typ, gekleidet wie ein echter Dandy, setzt sich neben mich und fragt auf Englisch, was ich denn schreibe. Ich sage ihm, was ich schreibe. Er fragt, ob er einen Schluck von meinem Bier haben kann. Ich bin irritiert, gebe ihm aber trotzdem welches. Er bedankt sich. Ich frage mich, ob er weiter mit mir sprechen möchte, doch ich bin ja am Schreiben. Von der Performance her kommt Krach. Ich spüre den Sonnenbrand in meinem Nacken. Ich würde gern mein Handy aufladen. Jetzt isst die Dame einen Apfel und die anwesenden Personen schauen ihr dabei zu. Zum Abschluss sagt sie etwas wie, dass diese Performance den Menschen der Sahara gewidmet ist, weil diese von Marokkanern belagert werden. Irgendetwas mag ich falsch verstanden haben.

Zur Performance „Territorial“ von Rita Marhaug (Bergen), Text von Elias Kirsche.

Ein weibliches Wesen in einem kurzen Kleid, Nylonstrumpfhosen, High Heels und Ledermaske (alles in Hautfarbe) sitzt starr in einer Betongrube. Das Kleid ist durchsichtig und scheinbar selbstgenäht, die Maske bedeckt das ganze Gesicht. Es gibt Löcher für die Nase und für die Augen. Das Wesen beginnt, sich zuckend, jedoch plastisch zu bewegen. Über ein Brett klettert es aus der Grube heraus. Es geht immer wieder in die Hocke, so dass man ihm direkt unter den Rock schauen kann. Angekommen auf der Ebene der Erde, beginnt das Wesen, sich in Richtung Turbinenhalle zu bewegen. Dabei lockt es das Publikum mit eindeutig einladenden Gesten, ihm zu folgen. Auf dem Weg zieht es die Maske aus. Nun sieht man eine kurzhaarige Blondine. Im Gehen drückt sie immer wieder ihre Oberschenkel zusammen, geht auffällig in die Hocke. Damit gibt sie den Zuschauern zu verstehen, dass sie dringend pinkeln muss. Je mehr sie sich der Turbinenhalle nähert, desto schwieriger scheint es ihr, den Urin zu halten. Sie setzt sich immer wieder hin und drückt ihre Beine noch mehr zusammen. Irgendwann zieht sie die High Heels aus, wirft sie weg und läuft barfuss weiter. Auf der Wiese beginnt sie, demonstrativ die Strumpfhose aufzureissen, ganz langsam, Stück für Stück. Es ist eine sexy Szene, die Blicke von herumstehenden Männern sind zwischen ihre Beine fixiert. Sie lässt die aufgerissene Strumpfhose neben ihren High Heels auf der Wiese liegen und betritt, den Drang zum Urinieren schwer beherrschend, die Turbinenhalle. Das Publikum folgt ihr.

In der Halle angekommen, stellt die Frau sich breitbeinig in der Mitte und zieht ihr ohnehin kurzes Kleid noch höher. Sie steht in der typischen Halbhocke. Es ist ein sehr geheimnisvoller und äusserst spannender, „prolongierter“ Moment, eine intensive Erwartungsstimmung ist spürbar: Wird sie nun pinkeln oder nicht? Die Augen der Zuschauer heften fest auf ihrer Figur, auf ihren Brustwarzen, ihren halbgeöffneten Schamlippen. Sie verweilt ziemlich lange in dieser Position. Die Spannung steigt. Mein Blick schweift über die Gesichter der Zuschauer: sehr verschiedene, zum Teil gegensätzliche Eindrücke. Gesichter der Frauen spiegeln meistens Neugier wieder, manche männliche Gesichter einen Ekel oder eine starke Lust. Es dauert und dauert und dauert. Aber die Künstlerin lässt es nicht laufen. Es kommt nichts raus. Irgendwann spuckt sie aus, anstatt ihre Blase vor uns zu entleeren. Ich verspüre eine Enttäuschung darüber. 

Die Performance verwirklichte, und zwar eins zu eins, die heute unter Fetischisten stark verbreitete Phantasie, einer anonymen Frau, die pinkeln muss, unbemerkt zu folgen, um ihr schliesslich beim Urinieren heimlich zuzuschauen. Alle Positionen und Stellungen, die die Künstlerin einnahm, zeugten von der Rezeption dieser Phantasie. Auch ihre Kleidungsstücke erzählten darüber: die Maske, die die Anonymität betont, die High Heels, die die Beine länger machen, die Nylon- Strumpfhose, ein allgegenwärtiger Fetisch. Schliesslich das durchsichtige Kleid in Hautfarbe. Die Repetition der Phantasie gelang perfekt, noch viel authentischer als in entsprechenden Pornovideos. Leider ohne die von einigen Anwesenden hoffnungsvoll erwartete Kulmination.   

Gastdozierende

September 2016
Gastdozierende

Herbstsemester heisst: Die beiden Platanen, die zwischen dem Literaturinstitut und dem Standesamt im Pärkchen stehen, verlieren ihre Blätter und damit das meistgewählte Hochzeitsfotosujet seine Attraktivität: Er und sie (Heteronormativität bitte entschuldigen), links und rechts neben dem Stämmchen. Manchmal mit gehaltenen Händen, manchmal mit Beinposen. Lassen wir die Paare in ihren eigenes für diesen Tag erworbenen Trikotagen auf dem Teppich aus Laub zurück und gehen wir ins Institut.

Dort verheisst das Herbstsemester: neue Gastdozierende! Vor allem in der Modulgruppe 2 (Textproduktion II – Ateliers) werden die Kurse in der Regel von Gästen geleitet; sie bieten entweder sogenannte Semesterateliers (ca. sechs Treffen, die sich über das ganze Semester verteilen) oder Blockateliers (zwei oder drei gebündelte Treffen) an, in einer möglichst grossen Themenvielfalt. Wir freuen uns, für das Herbstsemester folgende SchriftstellerInnen zu Gast zu haben: Urs Mannhart zum Thema Reportagen, Joseph Incardona zu Tragédie et roman noir, Friederike Kretzen zum Handwerk des Schreibens, Jenny Erpenbeck, die das Schweigen hinter der Sprache ausleuchten wird, Jerome Flechter als Experte im Performance Writing und Maylis de Kerangal, die sich der paysage sonore des récits widmet. Die Studierenden im zweiten und dritten Jahr können sich aus dieser Auswahl ein individuelles Programm zusammenstellen, sie besuchen in der Regel ein bis zwei Schreibateliers pro Semester.

HKB-Zeitung

September 2016
HKB-Zeitung

In der September-Oktober-Ausgabe der HKB-Zeitung, die übrigens gratis abonniert werden kann, hat Michael Fehr, ein Absolvent des Literaturinstituts, einen beeindruckenden Essay zur Konstitution der Behinderung geschrieben. Unbedingt lesen! Idealerweise bis zur letzten Seite der Zeitung, dort ist nämlich ein Text zu finden, der dem Thema Grenzen literarisch nachspürt. Die Autorin ist Baba Lussi, die jetzt im dritten Jahr des Bachelors am Literaturinstitut studiert. Ihre Arbeit ist im Rahmen des Schreibateliers Potenzielle Texte entstanden, das sich mit Oulipo und schreiben unter contraintes beschäftigt hat. Auch in früheren Ausgaben der HKB-Zeitung gab es Beiträge aus dem Literaturinstitut, beispielsweise Dominik Schuppich in der Mai-Juli Ausgabe 2015 zum Thema Über die Runden kommen (auf der letzten Seite) oder Fabian Saurer und Andrea Rohner, die für die Zeitung auf Nachtzugreise gegangen sind.

Alpen 2216

Juli 2016
Alpen 2216

« Der Plan war relativ einfach: Mit einer Gruppe von Studierenden des Schweizerischen Literaturinstituts diesen Monat täglich zwei Drittel einer Zeitungsseite zu füllen. Eine Reihe zum Thema: Die Alpen im Jahr 2216. Wir wollten uns drei Mal während des Frühlingssemesters treffen, um Ideen und Texte auszutauschen und den kleinsten gemeinsamen Nenner zu finden. Die Aus­führung war dann schwieriger als gedacht. Kollektives Erzählen ist eine heikle Angelegenheit. » Das sagt Silvio Huonder, der den Episodentext, der im August in der Tageszeitung Südostschweiz erschienen ist, begleitet hat. Sein ganzes Resümee zum Schreibprojekt und den darin enthaltenen Herausforderungen findet sich hier, die Texte sind hier zu entdecken.

Das Projekt Episodenroman war Teil des Lehrangebots „Transdisziplinarität und Projekte“ (Modulgruppe 4) im Curriculum des Bachelors in Literarischem Schreiben. In dieser Modulgruppe wird einerseits die Zusammenarbeit mit Studierenden anderer Fachbereichen aus der HKB angestrebt (dieses transdisziplinäre Lehrangebot organisiert grösstenteils das Y Institut), andererseits geht es darum, erste Einblicke in das Spektrum des literarischen Berufsfeldes zu bekommen. Dazu gehört beispielsweise das Herstellen einer Literaturzeitschrift, aber auch Auftragssituationen oder ganz freie Projekte, die man sich selbst sucht oder ausdenkt oder sowieso macht.

Abschlussarbeiten 2016

Juni 2016
Abschlussarbeiten 2016

Der Abend der Abschlusslesungen, also der öffentlichen Präsentationen der Bachelorthesen, ist gemischtgefühlig. Nach drei Jahren hört plötzlich das Institut auf, das Haus, der Austausch, der Ablauf. Ab jetzt gibt es keine Mentorin, keinen Mentor mehr, der alle zwei Wochen auf Text wartet, im Zweifelsfall mahnt oder sich sonstwie bemerkbar macht. Ab jetzt gibt es aber auch keine ECTS mehr, die gesammelt werden müssen, keine Pflichtkurse mehr, keine Modulgruppen, keine Einschreibefenster. Ach, die Einschreibefenster. Der Abend jedenfalls, an dem die diesjährigen AbsolventInnen ein letztes Mal ihre Stimmen hören liessen, war gemütlich und sonnig und ist uns in bester Erinnerung geblieben. (Vor allem dass die allermeisten Lesenden durchaus Beinkleidung trugen, daran werden wir uns sicher noch lange erinnern.) Wer am 24. Juni nicht in Biel war, hat hier die Gelegenheit, die Autorinnen und Autoren – in diesem Abschlussjahrgang nur deutschsprachige – in Live-Mitschnitten nachzuhören. Wer lieber selber liest, dem schicken wir gerne (kostenlos, weil wir lesen gut finden) ein Büchlein nach Hause, das die Auszüge aus den diesjährigen Abschlussarbeiten versammelt. Einfach Wunsch & Adresse an lit@hkb.bfh.ch schicken.

Tabea Graf:

Lucien Haug:

Flurin Jecker:

Fabian Saurer:

Mathias Schmid:

Noemi Somalvico:

Andrea Rohner:

 

Impressionen Abschlusslesungen 2016

Juni 2016
Impressionen Abschlusslesungen 2016

 

 

La Liesette Littéraire 2016

April 2016
La Liesette Littéraire 2016

Das Schweizerische Literaturinstitut im lieblich raschelnden Zeitungsformat: Die zweisprachige Anthologie La Liesette Littéraire, die einmal im Jahr von einer Redaktion aus Studierenden und Dozierenden konzipiert und realisiert wird, versammelt Texte von aktuellen und ehemaligen Studierenden. In der aktuellen Ausgabe von Frühling 2016 finden sich Texte von Matthias Amann, Romain Buffat, Michaela Friemel, Flurin Jecker, Baba Lussi, Lou Meili, Julia Rüegger, Fabian Saurer, Mathias Schmid, Gian Snozzi, Noemi Somalvico, Michelle Steinbeck, Maria Ursprung und Wiebke Zollmann – die allermeisten sind ins Französische bzw. Deutsche übersetzt. La Liesette Littéraire kostet 10 Franken inklusive Versand und kann als Einzelnummer oder im Abonnement bestellt werden unter liesette@hkb.bfh.ch. Die 40-Sekunden-Strichfassung ist gratis:

Im Pick-up läufts Radio: n Song mit schnellen E-Gitarren und hartn Bässen. Mein Herz pumpt wie verrückt. «Tus», höre ich ne Stimme in mir, «tus.» // «Es stört dich nicht, oder?», er leckte die Butter von seinem Finger, drückte die ON-Taste der Fernbedienung und schaute kurz die Skiabfahrten, bis er auf einen Sender wechselte, der eine Tierdoku zeigte. // ich hatte eine wurstfabrik // Und da war es über dich gekommen, da hast du dich entschieden: Du würdest es tun. Du würdest selbst nachschauen gehen. // Kein Ankommen. Provokante Pässe. Wein. Plätschern. Danke passt. Kein Fleisch. Kein Fisch. Keine Umstände. // Anatol kommt eine Stunde zu früh. Er trägt ein Bärenkostüm. Schön bist du da, sage ich. Ich bin noch am Kochen. // Der Lärm der Aussenwelt erstirbt an den PVC-Scheiben, Stille, Tinnitus. // Wenn man lange genug aufs Meer hinausschaut, sieht man Delphine. Und einmal einen Wal. // Als Pflanze wär es mir besser ergangen (als Borkenkäfer oder Pilz) //